Deobandi
Deobandi: islamische Strömung sunnitischer Prägung, hervorgegangen aus der 1866 in der nordindischen Stadt Deoband gegründeten Hochschule Dar al-Ulum Deoband. Sie steht für eine streng-orthodoxe, an der hanafitischen Rechtsschule orientierte Auslegung des Islam und wurde maßgeblich von den Gelehrten Muhammad Qasim Nanautawi und Rashid Ahmad Gangohi geprägt.
Inhaltlich kombiniert die Deobandi-Schule eine konservative Lesart der Glaubens-Lehre und Rechtsfragen mit einer ausgeprägten Bildungsorientierung in Madrassen (religiösen Schulen) und einer ablehnenden Haltung gegenüber vielen Volksfrommen-Praktiken — etwa Schreinverehrung oder bestimmten sufischen Riten. Gleichzeitig sind viele Deobandi-Gelehrte selbst in sufische Orden eingebunden, allerdings in einer als „sober” bezeichneten Form.
Geografisch verbreitet ist die Strömung vor allem in Indien, Pakistan, Bangladesch, Afghanistan und in der südasiatischen Diaspora in Großbritannien, Südafrika und Nordamerika. Aus dem Deobandi-Umfeld gingen historisch sowohl politisch quietistische als auch politisch aktive Gruppierungen hervor: die Jamiat Ulema-e-Hind, die Tablighi Jamaat (eine apolitische Missionsbewegung) sowie das pakistanische Madrassen-Netzwerk, aus dem in den 1990er Jahren zahlreiche Mitglieder der afghanischen Taliban hervorgingen.
Die politische Vielfalt innerhalb der Deobandi-Schule wird in der wissenschaftlichen Literatur betont. Während ein Teil der Bewegung — wie die Tablighi Jamaat — apolitisch und international ausgerichtet ist, vertreten andere Gruppen militante Positionen. Die Gleichsetzung von Deobandi-Lehre mit politischer Radikalisierung gilt unter Fachleuten als verkürzt.